Projektbesuch in Kolkata

Stefanie Weißig in KolkataNach fast 5 Jahren bin ich wieder in Kolkata. Ich bin ein bisschen nervös, denn zwischen meinem letzten Besuch 2018 und dieser Reise liegt nicht nur die Pandemie, sondern auch ein Zyklon und viele andere Herausforderungen. Es hat sich viel verändert bei Calcutta Rescue.

Doch schon am Flughafen werde ich mit offenen Armen empfangen. Im Calcutta Rescue Krankenwagen fahren wir Richtung Süden. Die Luft riecht nach Rauch und Gewürzen. Ein vertrautes Gefühl macht sich breit und ich bin erleichtert.

Im Office treffe ich Jaydeep und Sambhu, der mich bei den Projektbesuchen begleiten wird. Wir trinken Chai und planen die nächsten Tage. „Es gibt so viel Neues zu sehen!“, versichert Jaydeep, und er wird Recht behalten.

Am nächsten Morgen starten wir früh in Richtung Talapark. In der Ambulanz freue ich mich über viele bekannte Gesichter. Alles wirkt angenehm vertraut und doch liegt Veränderung in der Luft. Dr. Ghosh erzählt mir von der Einführung eines Computersystems zur digitalen Patientenverwaltung - das Beneficiary Management System (BMS). Es wurde gemeinsam mit IT-Spezialisten entwickelt, um zukünftig Patientendaten digital zu erfassen und so nach und nach die Papierakten zu ersetzten. Ein großer Vorteil ist, dass die Daten projektübergreifend zur Verfügung stehen und viele Prozesse erheblich erleichtern können. Nach der erfolgreichen Einführung in Talapark soll das Programm auch an allen anderen Standorten und in den Bildungseinrichtungen genutzt werden. Ich bin beeindruckt und glücklich als wir uns auf den Weg zum neuen Handicrafts Center machen. Das neu bezogene Gebäude liegt in einer ruhigen Gegend in Shovabazar und bietet genügend Platz, um neben der Fertigung von Auftragsarbeiten auch Nähmaschinen-Lehrgänge anzubieten. Im Rahmen des Projekts „Restoration of the Livelihoods“ werden hier vor allem Frauen an der Nähmaschine ausgebildet, die während der Pandemie ihre Arbeit oder Familienangehörige verloren haben. Mit den neu erlernten Fähigkeiten haben sie die Möglichkeit, ihre Familie finanziell zu unterstützen. Der letzte Halt des Tages ist zugleich der inspirierendste und führt uns ganz in den Norden von Kolkata in den Dakshineshwar Slum. Dicht gedrängt zwischen der Metrolinie und der Autobahn war das Leben der Menschen hier noch nie einfach. Doch Calcutta Rescue ist bereits seit vielen Jahren aktiv, um die Lebensbedingungen der Bewohner:innen stetig zu verbessern. Neben betonierten Wegen und neuen gemauerten Häusern mit Metalldächern, die weniger Gefahr laufen dem Monsun zum Opfer zu fallen, wurde auch die Versorgung mit sauberem Trinkwasser sichergestellt und die sanitären Anlagen erneuert. Besonders beeindruckt hat mich allerdings das kleine nachhaltige Projekt Kiran, das hier im letzten Jahr gestartet wurde. Ein Kompostierungsprojekt, bei dem Frauen aus dem Slum organische Abfälle sammeln und mit Hilfe von Würmern in Muttererde verwandeln, die dann verkauft wird, um die Familien im Slum finanziell zu unterstützen. Der perfekte Abschluss dieses spannenden Tages ist natürlich ein Besuch im Dakshineshwar Kali-Tempel. Ein wunderschöner und magischer Ort, der für mich zu Kolkata gehört wie Durga Puja und Mishti Doi.

Der nächste Tag der Projektreise beginnt direkt mit einem Highlight. Wir besuchen die Dr. Bobby Memorial Klinik in Tangra, die 2022 eröffnet wurde und die medizinische Versorgung der etwa 7000 Bewohner:innen des nahegelegenen Slums sicherstellen soll. Jaydeep gibt uns hier einen Überblick über die Ergebnisse der multidimensionalen Armutsstudie, die Calcutta Rescue 2019 in 23 Slums durchgeführt hat. Der Fokus der nächsten Jahre liegt auf der Armutsbekämpfung in den urbanen Gebieten von Kolkata vor allem in Hinblick auf Gesundheit, Bildung und Verbesserung der Lebensbedingungen.

Dafür ist seit etwa einem Jahr auch eine nagelneue Straßenambulanz (Street Medicine 3) in der Stadt unterwegs, deren Fokus auf Prävention und Information bei Themen wie mentaler Gesundheit, Hygiene und Familienplanung liegt. Das 5-köpfige Outreach-Team ist hochmotiviert und mit viel Engagement und Herzblut bei der Arbeit.

Der zweite Teil des Tages steht ganz im Zeichen der Bildungsprojekte von Calcutta Rescue. Auch hier stehen große Veränderungen und mit dem geplanten Umzug der Schule Nr. 1 in ein neues Gebäude ein echter Meilenstein bevor. Schüler:innen und Lehrkräfte zugleich sind voller Vorfreude auf die Möglichkeiten, die die neue Bildungseinrichtung bietet. Auf der Baustelle, die ich zuletzt 2018 direkt nach dem Kauf besichtigt hatte, hat sich nun nach einer kleinen Pandemiezwangspause einiges getan. Die Bauarbeiten sollen noch in diesem Jahr fertiggestellt werden und der Umzug kann beginnen. Es bleibt also spannend und der nächste Projektbesuch wird wieder viele Überraschungen bereithalten.

Die Zeit in Kolkata war dieses Mal eine ganz besondere für mich. Mein Herz ist wieder gefüllt mit neuer Motivation mit dem wunderbaren Gefühl zu etwas Großem dazuzugehören.

Ich bin dankbar, ein Teil der Calcutta Rescue Familie zu sein.

Stefanie Weißig

 

Stefanie Weißig in Kolkata