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Logopädie in Kalkutta

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Ein Bettler, der die kleinste Gabe, die klingend in seine Büchse fällt, segnet; ein eiliger Geschäftsmann, der dennoch an einem Shiva-Tempelschrein innehält, um zu beten. Das und so vieles mehr ist Indien.

Nach 15 Jahren bin ich wieder in Kalkutta, in einer Stadt, die mir damals näher gegangen ist, als andere Orte. Damals bin ich ohne konkrete Absicht ein Jahr durch Indien gereist, dieses Mal mit einer, vielmehr zwei Zielen, und zwar am Internationalen Treffen von Calcutta Rescue teilzunehmen und als ausgebildete Logopädin an diesem Fachbereich der Talapark Ambulanz zu hospitieren.

Der Logopädieraum ist sehr klein. So klein, dass gerade drei Stühle hineinpassen, einer für die Patienten, der andere für den ausgebildeten Logopäden, der die durchschnittlich 10 Minuten währende Therapie durchführt und ein dritter für mich. Es sind hauptsächlich Kinder, die logopädisch behandelt werden. AD(H)S wurde bei einigen diagnostiziert, aber auch verschiedene genetisch bedingte Grunderkrankungen, etwa Trisomie 21, auch als Down Syndrom bekannt. Ebenso spielen kognitive Einschränkungen, die mit einer Verzögerung der sprachlichen Entwicklung einhergehen, eine nicht unwesentliche Rolle. Einige therapeutische Methoden sind mir aus meiner logopädischen Tätigkeit in Deutschland vertraut, wie Bildkarten zum Wortschatzaufbau und Übungen zur Stimulation der Mundmuskulatur, andere wie „Oral Motor Exercises“ wiederum nicht. Letztere schult die Wahrnehmung im Mundraum und kräftigen die Mund- und Zungenmuskulatur durch gezielte manuelle Techniken. Ich erlebe mitunter angespannte Gesichter, aber auch lachende.

logopaedie2 kleinEin Mädchen, das vorher noch kichernd beim Logopäden saß, bewegt sich nun hingebungsvoll zu den Klängen des Bollywoodstücks „Cham Cham“ im Tanztherapieunterricht. Einmal in der Woche übt eine Gruppe von eigens hierfür festlich gekleideten Mädchen unter Anleitung einer Tanztherapeutin Choreografien zu gerade angesagten Bollywoodmelodien ein. Dieser interdisziplinäre Aspekt der Therapie in der Talapark Ambulanz hat mich beeindruckt. Den Mädchen bringt es sichtbar Spaß und fördert ihr Rhythmusgefühl, ihre Bewegungskoordination sowie ihre Orientierung in Raum und Zeit. Aspekte, die wiederum konstitutiv sind für die Entwicklung der sprachlichen Kompetenzen. Von der Tanztherapeutin erfahre ich, dass ein körperlich eingeschränktes Mädchen mithilfe des Tanzens gehen gelernt hat. Auch dieses Kind ist in sprachtherapeutischer Behandlung.

Viele der logopädischen Patienten kommen aus entlegenen Dörfern oder den Slums. Flexibel muss der Therapeut daher auf Zug- und Terminausfälle reagieren.

Meine Vision für die Zukunft wäre ein fachlicher Austausch auf Augenhöhe zwischen dem Therapeuten vor Ort und mir als Logopädin in Deutschland sowie die Bereitstellung materieller Unterstützung in Kalkutta, was medizinisch-therapeutisches Equipment, etwa Einweghandschuhe oder technische Hilfsmittel, anbetrifft.

Berit Ruge