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Von Projesh Polash, Tagore-Brahma

 

Da ich seit neun Jahren, nach langer Zeit, wieder eine Reise nach Indien, zum Besuch meiner Familie in Kalkutta, geplant hatte, bewarb ich mich für den Zeitraum der Reise als Volontär, ehrenamtlich bei Calcutta Rescue Deutschland e.V.

Als Deutscher indischer Herkunft, mit Wurzeln in Kalkutta, spreche ich fließend Bengali und als staatl. anerk. Physiotherapeut (PT) im weiteren wissenschaftlichem Studium zum „Master-of-Science in Physiotherapie“, liegt mein großes Interesse in der Erarbeitung von „Low-Budget“- Therapiekonzepten für sog. “Slum-Kliniken“, in denen Medikamente eingespart werden müssen, z.B. durch Maßnahmen der Physikalischen –und Physiotherapie.

projeshDeshalb war es für mich besonders interessant, mit sog. „Multi-Drug-Resistant-TB“ und „Extrem-Multi-Drug-Resistant-TB“ Patienten, die Maßnahmen der Atemtherapie, zur Sekretmobilisation in den Lungen und versch. Formen der Drainagelagerung, zum gezielten Abhusten der Lungenflügel, zu erarbeiten. Besonders bei hartnäckigen Tuberkulose Patienten, wurden solche Maßnahmen durch die Ärzte von Calcutta Rescue verordnet und klare dokumentierte Erfolge erzielt.

Mein Einsatz für Calcutta Rescue konnte ich ohne Kosten für Kost und Logis und ohne weitere Kosten für Krankenversicherung über meine Familie in Kalkutta organisieren. Ein Teil meiner Arbeit in Indien bestand darin, als zusätzlicher Therapeut mit neusten Behandlungstechniken und Therapieansätzen aus Europa, zur Unterstützung der Physiotherapeuten von Calcutta Rescue und ihrer physiotherapeutischen Abteilung, welche mit wenig Technik und Hilfsmitteln ausgestattet ist, in ihrer Effizienz zu verbessern. Da für Calcutta Rescue inzwischen drei hochqualifizierte indische Physiotherapeuten dienstags, donnerstags und freitags im Einsatz sind, assistierte ich diesen und wurde zudem an den übrigen Tagen, montags und mittwochs, für die Aufnahme zusätzlicher Patienten alleine eingesetzt. Ich hatte so die Möglichkeit, in diesem kurzen Einsatz, die Arbeit von Calcutta Rescue als Hilfsorganisation und ihres interdisziplinären Teams, bestehend aus Ärzten und Therapeuten, in seiner Effektivität kennenzulernen. Meine weitere Arbeit für Calcutta Rescue sollte dann in Deutschland, in der Produktion einer Radiosendung für zwei regionale Radiosender, Spendenarbeit und einem Diavortrag, für Physiotherapeuten und Ärzte, über die Therapie in solchen Straßenambulanzen bestehen.

Da in Westbengalen der Beruf des Physiotherapeuten mit dem Ärzteberuf gleichgesetzt wird, führen Physiotherapeuten ganz gleich ihrer Ausbildung/Studienzeit die Anrede „Dr.“ auf ihren Praxisschildern und werden auch mit „Dr.“ angesprochen (genauso wie Chiropraktiker, ayurvedische Ärzte, Homöopathen, etc.). Ich möchte deshalb hier meine Kollegen von Calcutta Rescue - Indien auch mit dieser Anredeform vorstellen:

 

Dr. Supriya Sana – MPT (Master Physiotherapeut – 5 Jahre Ausbildung/Studium): Orthopädische-, internistische- und neurologische Krankheitsbilder, rheumatoide Arthritis u. Arthrose, Tuberkulose (resistente- , postprimäre Lungentuberkulose), Asthma, C.O.P.D., Lepra (Amputationen, Kontrakturen, Muskelschwund, Reflex- u. Sensibilitätsstörungen, Nervenmobilisation, Wundheilungsstörungen), Z. n. Verbrennung, Störungen durch Fehl- u. Unterernährung, Muskelschwund/Muskelaufbau, Skoliose, Z. n. Frakturen u. Chirurgie, Z. n. Schlaganfall mit Halbseitenlähmung, Multiple Sklerose, Diabetes u. Diabetisches Fußsyndrom, Amputation u. Phantomschmerzen, Orthesen-Versorgung.

Dr. Anuradha Das (-Sana) BPT (Bachelor Physiotherapeutin – 3 Jahre Ausbildung/Studium):

„Handicapped Department“ u. pädiatrische Krankheitsbilder, Autismus, Morbus Wilson, Polio, Zerebrale Kinderlähmung u. frühkindliche Hirnschädigung, Epilepsie, , Gynäkologie u. Schwangerschaftsrückbildung.

Dr. Shapan Biswas BPT (Bachelor Physiotherapeut – 3 Jahre Ausbildung/Studium): Logopädische Krankheitsbilder, Aphasie, Sprechapraxie, Balbuties (Stottern), Störungen des Sprechens, der Atmung, der Stimme, der Mundfunktion, des Hörvermögens, des Schluckens und der Wahrnehmung.

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In der interdisziplinären Zusammenarbeit von Ärzten und Therapeuten, wurde ich bei den Ärztebesprechungen, bei schwierigen Entscheidungen über Operationen und weiteren Therapiemaßnahmen, zur Rate gezogen.

Die Patientengeschichte eines 14 Jahre jungen Mädchen, beschäftigte mich sehr, während meiner Arbeit bei Calcutta Rescue Die Entscheidung über ihre weitere Therapie zu treffen, war nicht leicht und wurde im Team interdisziplinär zwischen Ärzten und Physiotherapeuten, unter Berücksichtigung der Expertise des ranghöchsten Physiotherapeuten (S. Sana, Master Physiotherapeut (MPT)) und meiner zuerst gegenteiligen Meinung, über Wochen diskutiert, bis wir uns während stundenlanger Ärztekonferenz, schweren Herzens einigen mussten.

Sie kam mit ihrer Mutter von weit her, aus den Dörfern um Kalkutta, so dass es jedes Mal ein schwieriger und anstrengender Weg war und eine regelmäßige physiotherapeutische Behandlung, technisch nicht denkbar war. Das Transportproblem ist eines der größten Probleme, bei der Behandlung vieler Patienten bei Calcutta Rescue.

Als kleines Kind erkrankte sie an Tuberkulose, was sehr häufig in dieser Region vorkommt. Zum einen gelten Mykobakterien des Tuberkulose-Komplex, als sog. „Zoonosen“ und können durch Kontakt mit den auf dem Lande vorkommenden Nutztieren übertragen werden, aber auch in der Stadt wurden, wiederholt der Befall von Kakerlaken und deren Kot mit dem Mycobacterium tuberculosis, nachgewiesen. Die meisten Menschen schlafen bis heute noch auf dem Boden, in sehr unhygienischen Umständen. Da die Bakterien aber auch bei intakter Immunabwehr, ohne Krankheitszeichen , oder nach durchgemachter Primärtuberkulose lebenslang im Körper „schlummern“ und jederzeit wieder reaktiviert werden können, spricht man bei einer nicht zur Erkrankung führenden Erstinfektion, von einer Latenten Tuberkuloseinfektion (LTBI), bzw. nach einer Ersterkrankung, von einer postprimären Tuberkulose oder auch Sekundärtuberkulose.

 

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Im Januar 2005, damals war sie sieben Jahre alt, kam es zu einer postprimären Tuberkulose Infektion, bzw. Knochentuberkulose ohne Lungenbeteiligung. Nach einer darauffolgenden, pathologischen Fraktur des Oberschenkelknochens (Femurs), wurde sie das erste Mal bei Calcutta Rescue als Patientin aufgenommen. Man entschied sich zuerst für eine konservative Versorgung der Fraktur, welche aber ohne Heilung ausblieb. Als nächste Maßnahme wurde eine Knochentransplantation im staatlichen Krankenhaus durch Calcutta Rescue gestiftet, es wurde Knochenmaterial aus dem gesunden Wadenbein entnommen und mit einer Marknagelosteosynthese fixiert. Durch die Kontamination der Mykobakterien im frühen Kindesalter, entwickelte sich weiter eine chronische Osteomyelitis (bakterielle Knochenentzündung), die zum Bruch der Marknagelosteosynthese führte (Mai 2009). Es wurde dann, eine weitere Knochentransplantation durch Calcutta Rescue gestiftet, welche durch eine durch die Haut von außen fixiertes Haltesystem („Ilizarov Ringfixateur Extern“), befestigt wurde, die aber aufgrund der Osteomyelitis im November 2009, wieder entfernt wurde. Aufgrund des niedrigen Kalziumspiegels im Knochentransplantat des Wadenbeins (Fibula), musste 2010 erneut Knochenmaterial aus dem Beckenkamm entnommen werden und eine weitere Transplantation mit interner Fixation wurde durchgeführt. Bis heute ist der Zustand des vierzehn jährigen Mädchens sehr schlecht, da das gesunde linke Bein ständig weiter wuchs und das kranke rechte Bein im Wachstum zurückblieb, entstand eine Beinlängendifferenz von ca. 30 cm, die durch eine mangelhafte Orthesenversorgung des kürzeren Beins ausgeglichen ist. Durch Fehlstellung des verkürzten Oberschenkelknochens (Femur) zur Rückseite des Körpers hinzeigend (nach dorsal) und einem daraus entwickelten Beckenschiefstand entstand eine starke Verdrehung (Torsion) und seitliche Verkrümmung (Skoliose) der Wirbelsäule.

Die Hoffnungen, dieses jungen, traditionell lebenden, indischen Mädchens, eines Tages zu heiraten und ein normales Leben zu führen, brachte sie dazu immer wieder um Hilfe zu bitten und sich gefährlichen Operationen zu unterziehen. Da sie und ihre Mutter um eine weitere Operation bitten, einer Osteosynthese und Beinverlängerungsosteotomie, mit Osteosynthese und Knochentransplantation, durch welche, nach Einschätzung der Chirurgen im staatlichen Krankenhaus, eine Verlängerung von ca. 3 cm erreicht werden könnte, wurde ihr Fall von dem Physiotherapeuten S. Sana und mir immer wieder untersucht und in der Ärztekonferenz diskutiert. Die Entscheidung gegen eine Operation, aufgrund der Risiken bei chronischer Osteomyelitis, enttäuschte die Familie sehr. Im interdisziplinären Austausch einigte ich mich mit den Ärzten und dem Physiotherapeuten S. Sana vorerst auf Maßnahmen der Physiotherapie, P.N.F. und der manuellen Therapie, um zur Schadensbegrenzung die Torsion (Verdrehung der Wirbelsäule) und den Beckenschiefstand zu mobilisieren und die Muskelsysteme in der LBH (LendenBeckenHüft-) Region zu kräftigen. Mit der Hoffnung, dass durch tägliche Therapie, axiale Belastung und bessere Ernährung, auch ein gewisser Wachstumsreiz gesetzt werden könnte, wurde die Patientin von uns in das Hope-Hospital-Kolkata (http://www.hopechild.org) überwiesen. Da sie dort auch stationär wohnen konnte und so die weite Anreise nach Kalkutta vom Lande entfiel, durch die eine tägliche Therapie nicht möglich gewesen wäre. Vertröstet wurde das junge Mädchen, ihre Hoffnungen nicht aufzugeben und in zwei Jahren wieder zurückzukehren, um eine weitere Expertise bei einem Chirurgen zu erstellen. Hoffentlich ist der Zustand ihrer Knochen bis dahin verbessert.

Tuberkulose Patient, bei der Sekretmobilisation durch Atemtherapie

Tuberkulose Patient bei der Sekretmobilisation durch Atemtherapie

Ich war hauptsächlich in der Talapark Ambulanz, aber auch in Sealdah und der Chitpur Leprocy Ambulanz (welche inzwischen zu einer Halle ausgebaut ist!) im Einsatz. Diese Arbeit habe ich durch Fotografie und Patientendokumentation für meine weitere Arbeit in Deutschland vorbereitet, um das Potential physiotherapeutischer Maßnahmen in solchen extremen Bedingungen und Krankheitsbilder wie die der Lepra aufzuzeigen.

Nachdem ich Hintergründe und Arbeit von Calcutta Rescue kennengelernt habe, kann ich voller Vertrauen für die Glaubwürdigkeit von Calcutta Rescue als Hilfsorganisation in Deutschland werben, um Spendenarbeit zu leisten. Ich selber habe auch schon einmal angefangen zu spenden, da ich im medizinischen Bereich von Calcutta Rescue tätig war, wollte ich der „Slum-Children-School“ meine finanzielle Unterstützung zeigen, die ich hoffentlich in Deutschland weiterhin monatlich fortsetzen kann.

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Vielen Dank!

 

von Alexandra Heinrich

Die Stadt Kalkutta - empfangen wurde ich nach meiner Landung von unglaublich regem Treiben auf den Straßen, chaotischstem Verkehr in Richtung der Innenstadt, wobei ich schon an meinem ersten Tag lernte einfach die Augen zu schließen, wenn das Taxi überholte oder ausweichte und ich dachte das kann einfach nicht klappen. Übernächtigt von einem langen Flug wird man zugleich erschlagen von den neuen vielen Eindrücken. Dachte ich im Auto noch, das sieht doch gar nicht so extrem aus, wurde mir bei meinem ersten Gang durch die Menschenmasse ganz anders, als ich versuchte nicht ständig gegen jemanden zu rennen und auch nicht unter die Räder zu kommen. Schon nach wenigen Tagen taucht man in den Strom von Mensch, Tier und Verkehr ein.
Gewohnt habe ich wie viele andere Mitvolontäre in der berühmten Modern Lodge, bis wir durch Zufall Ende Februar eine neu renovierte Unterkunft auf dem Dach eines Guest Houses parallel zur Sudder Street fanden. Dort wohnten wir mit Volontären unterschiedlicher Organisationen zusammen und für uns alles war es ein guter und heimeliger Rückzugsort für treffen, feiern, zusammensitzen und unterhalten.

Ich bin vor Weihnachten nach Kalkutta, hatte ein paar "beschauliche Tage" zum Gewöhnen und fing nach den Feiertagen an zu arbeiten.
Calcutta Rescue hatte Ende November nach längerer Suche eine neue indische Physiotherapeutin eingestellt, nachdem die langjährige ehemalige Physiotherapeutin aus Kalkutta weggezogen war. So traf ich auf meine Kollegin Nupur, die sich schon einige Wochen alleine eingearbeitet hatte und wir begannen zu zweit die Physiotherapieabteilung der Kliniken wieder aufzubauen, nachdem es eine mehr als zweimonatige Pause der Behandlungen gegeben hatte.
Nupur hat in Kalkutta studiert, hat ein gutes Grundwissen und spricht sehr gutes Englisch. Ungewohnt war für sie in einem Team zu arbeiten, noch dazu mit jemand europäisches und unterschiedlicher Ausbildung. Die Physiotherapie in Indien ist noch sehr jung.
So war Nupur am Anfang mir gegenüber sehr skeptisch, fühlte sich kontrolliert und durch das Übersetzen für mich auch unter Druck gesetzt. Unsere Zusammenarbeit und auch die interdisziplinäre Arbeit mit den Ärzten und dem restlichen Personal war dadurch etwas beeinträchtigt. Viel Geduld, Verständnis, Aufnehmen und Verstehen der indischen Arbeitsweise brachte mir nach doch recht langer Zeit endlich ihr Vertrauen und Nupur erkannte, dass auch sie von unserer Zusammenarbeit profitierte. So war die zweite Hälfte meines Aufenthalts und der Arbeit für Calcutta Rescue deutlich entspannter und produktiver.
Als Physiotherapeutin war ich in allen Straßenkliniken und auch in der Schule sowie hin und wieder als Hausbesuch in einem Pflegeheim tätig. Unsere Arbeit war sehr vielseitig und herausfordernd. Viele rheumatisch erkrankte Patienten, Diabetes, chronische Rückenprobleme durch harte Arbeit und Lebensbedingungen, Schlaganfallpatienten, unterentwickelte Kinder sowie CP (kindlich erworbene Hirnschädigung), Knieprobleme, aber auch Patienten nach Verbrennungen und vieles, was man hier in Europa eigentlich nicht zu sehen bekommt, wie Lepra und Tuberkulose.

So betreuten wir u.a. eine 40 jähriger Schlaganfallpatientin. Zu Beginn noch große Probleme selbst das Gleichgewicht im Stehen zu kontrollieren, konnte sie durch regelmäßige Therapie und Versorgung mit einer Fußschiene nach einigen Wochen wieder fast alleine gehen und auch das Sprechen und Verstehen wurde durch die Verbesserung der physischen Bedingungen trainiert. Bei Schlaganfällen sind oft auch die Sprachzentren betroffen.
Zur gleichen Zeit hatten wir das vierjährige Mädchen Guria in Behandlung. Sie hatte die Körpergröße und geistige/körperliche Entwicklung einer einjährigen und war sehr lethargisch. Durch unsere Behandlung, das Anbahnen von Bewegungen und Bewegungsübergängen, das Stehen und Gehen mit gleichzeitiger Anleitung der Mutter, brachte in kurzer Zeit den Erfolg, dass sie sich alleine auf die Beine stellte, deutlich weniger fremdelt, ihre Umgebung mit Freude erkundete und ihren eigenen Körper besser kennen lernte. Es bleibt zu hoffen, dass sich in diesem Zuge auch Gurias Ernährungssituation verbessert.
Die Patientencompliance war sehr unterschiedlich, wovon auch für uns der Fortschritt in der Behandlung abhing sowie von der Regelmäßigkeit, die viele unserer Patienten nicht einhalten konnten, da sie von sehr weit her kamen. Hier war mehr denn je eine gutes Heimprogramm nötig. Neben der Arbeit in den Kliniken und der Schule nahmen wir an medizinischen Meetings teil, besorgten Hilfsmittel für Patienten und schrieben Berichte.
Generell ist die physiotherapeutische Arbeit bei Calcutta Rescue auf der einen Seite nicht anders als wie wir sie hier in Deutschland kennen, auf der anderen Seite durch die dortigen Bedingungen wie das Behandeln in sehr kleinen Räumen und wenig Hilfsmittel und Geräten, unregelmäßige Abstände von Therapieeinheiten, schwierige Lebens-, Arbeits- und Wohnbedingungen der Patienten. Trotz aller Schwierigkeiten konnten wir und kann die Physiotherapie bei Calcutta Rescue sehr vielen dankbaren Menschen helfen und Beschwerden lindern und heilen.

 

Ich habe die Zeit in Kalkutta bei Calcutta Rescue sehr genossen, sehr viel für meine Arbeit und mein Leben und vor allem über das Leben gelernt. Ich hatte tolle Mitvolontäre um mich, wir haben uns gegenseitig immer unterstützt und eine intensive Zeit miteinander verbracht. Kalkutta ist sehr intensiv, sehr extrem und sehr vielseitig. Man wird in einem Moment mit großer Armut und Leid konfrontiert und im nächsten Moment ist man von etwas wunderschönem überwältigt. Ein Satz einer jungen Inderin hat mich besonders beeindruckt und er sagt sehr viel über die Menschen dort aus:
"It is a struggle for most of us. Some are rich, some are lucky, some are unlucky, some are poor, some are lonely... but one thing is common and that is the strength to go on... to live no matter how the circumstances are. Not to let go the colour of life, the culture and to stick to our roots."
("Es ist ein Kampf für die meisten von uns. Manche sind reich, manche haben Glück, andere haben keins, manche sind arm, andere sind einsam….Aber eines ist allen gemein, die Kraft und Stärke weiter zu machen…,zu leben egal unter welchen Bedingungen. Weder die Farbe und Vielfalt des Lebens zu verlieren noch die eigene Kultur und Herkunft.")

 

von Annette Schmidt und Veronika Borkert

 Als ich vor einem Jahr als Physiotherapeutin in Kalkutta ankam, wurde ich sofort herzlich von den anderen Voluntären aufgenommen, die mich behutsam in die Details dieser ungewöhnlichen Stadt einweihten. Je mehr ich die Stadt kennenlernte, desto mehr lernte ich sie lieben.

Nach einiger Zeit wurde für mich Routine, was mich anfangs noch in größte Aufregung versetzt hatte, z.B. die Chitpur-Klinik für Leprakranke, die täglich komplett auf- und wieder abgebaut wird. Sie liegt abgelegen am Fluß inmitten eines riesigen LKW-Parkplatzes, da Anwohner eine solche Klinik aus Angst vor Ansteckung nicht in ihrer Nähe dulden würden. Hier behandelte ich Patienten in Gruppen mit dem Ziel, die krankheitstypischen Kontrakturen und Verstümmelungen zu vermeiden.

Eine andere Klinik ist die Mutter-Kind-Klinik, in der ich die Arbeit als besonders schwierig empfand, weil mich das Elend der Babys und Kinder besonders berührte. Kinder, die von Geburt an behindert waren, weil für die Mütter aus finanziellen Gründen keine Schwangerschaftsvorsorge möglich war, ganz zu schweigen von einem Kaiserschnitt. Umso größer war dann die Freude über oft sehr rasche Fortschritte in der Therapie, wenn die Kinder regelmäßig erschienen.

Eine der drei Calcutta Rescue Schulen gehörte mit zu meinem Arbeitsbereich. Dort behandelte ich in einem kleinen Klassenzimmer chronisch kranke Schüler und Lehrer. Hier herrschte immer ein buntes Treiben und es wurde viel gesungen und gelacht. Selbst Soma, die durch Poliomyelitis an einer schweren Skoliose (Cobbwinkel >50 Grad) leidet und die ihren rechten Arm wegen starker Paresen nicht mehr einsetzen kann, hat ihre Fröhlichkeit nicht verloren. Genauso Muni, die durch hochgradige Verbrennungen am ganzen Körper sehr entstellt ist. Auch Sobita hat ein schweres Schicksal, denn schon mit zwölf Jahren leidet sie an den ständigen Schmerzen und Deformitäten einer juvenilen Polyarthritis.

Generell behandelte ich in den Einrichtungen von Calcutta Rescue eine breite Palette von Krankheitsbildern und Patienten aller Altersstufen, die teilweise besonders interessant sind, weil sie bei uns nicht (mehr) vorkommen. Viele kamen mit schmerzhaften Kontrakturen nach Weichteilverletzungen, Frakturen, schweren Kontusionen oder Verbrennungen, denn Unfälle sind bei dem harten Leben auf den Straßen von Kalkutta an der Tagesordnung. Auch Patienten mit peripheren und spinalen Lähmungen oder Poliomyelitis, Tuberkulose sowie Kinder mit Deformitäten des Bewegungssystems aufgrund von Fehl- und Unterernährung brauchen dringend Behandlung.

Hierfür standen mir drei indische Physiotherapie-Assistenten zur Seite, die auch die wichtige Aufgabe des Übersetzers übernahmen. Die Arbeitsbedingungen in den einzelnen Projekten sind sehr unterschiedlich, sie reichen von verhältnismäßig gut, nämlich einem eigenen Raum mit Behandlungsbank und Ventilator, bis hin zu sehr einfach: Therapie auf einer Isomatte inmitten einer Baustelle. Von Privatsphäre kann hier keine Rede sein, aber vermutlich hatten die Inder, die es gewöhnt sind, mit vielen Menschen auf engstem Raum zu leben, damit weit weniger Probleme als ich. Neben den Behandlungen versuchte ich, den Physiotherapie-Assistenten ein wenig von meinem Wissen weiterzugeben. Außerdem begleitete ich Patienten zu orthopädischen Geschäften, wenn sie Spezialschuhe, Rollstühle oder eine Schienenversorgung benötigten.

Bei meinen Hausbesuchen zu Patienten, die in erreichbarer Nähe wohnten, lernte ich wie gut die Menschen trotz ihrer Behinderung zurecht kamen und wie vorbildlich sie von ihrem Umfeld integriert wurden. Oft war ich erstaunt, mit welcher Gelassenheit die Inder ihre z.T. sehr schweren Krankheiten ertrugen, was ich in diesem Ausmaß noch nicht erlebt hatte.

Überrascht war ich auch darüber, daß ich mit den Behandlungen ebensoviel Erfolg hatte wie in Deutschland, was mir anfangs aufgrund der bescheidenen Mittel unmöglich erschien. Unter diesen Umständen bewährte sich die Manualtherapie, für die keine weiteren Hilfsmittel nötig sind. Vorteilhaft war auch, daß sie notfalls auch bei Verständigungsschwierigkeiten eingesetzt werden kann. Dagegen mußte ich als Brügger-Therapeutin feststellen, daß ich diese Methode leider kaum nutzen konnte. Zum einen, weil die hierbei notwendigen Erklärungen wegen Sprachschwierigkeiten schwer durchzuführen waren, zum anderen war es fast unmöglich, auf das Wohn- und Arbeitsumfeld der Patienten Einfluß zu nehmen. Selbst die Anwendung einer heißen Rolle war für viele Patienten ein unerschwinglicher Luxus.

Auch wenn der Alltag oft sehr anstrengend und kraftraubend war, hatte ich doch nie das Gefühl, daß die Arbeit von Calcutta Rescue ein Tropfen auf den heißen Stein wäre. Auch wenn nicht alle Bedürftigen Hilfe bekommen können, so ist doch jedes Einzelschicksal, dem geholfen werden kann ein Erfolg und es wert, die Arbeit von Calcutta Rescue weiterzutreiben.