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Erfahrungsbericht Calcutta Rescue

Irene Markert, Oktober 2019

 „Is it your first time in India?“, fragen mich die meisten Leute, denen ich hier begegne. Ja, es ist mein erstes Mal in Indien und immer wieder bin ich überrascht und manchmal schockiert von den vielen verschiedenen Eindrücken, denen ich hier jeden Tag begegne. Aber solange man eine offene Einstellung behält, kann einem nichts passieren.

Ich wohne im Süden von Kalkutta mit Jen aus England zusammen. Seit die Volontäre nicht mehr unter einem Dach wohnen, ist es manchmal etwas schwierig Zeit für einen regelmäßigen Austausch zu finden. Die Einführung in die Organisation ist wirklich herzlich und jeder nimmt sich  Zeit, auch wenn alle viel mit ihrer eigenen Arbeit beschäftigt sind. Jaydeep kümmert sich wirklich gut um uns Volontäre und hat immer ein offenes Ohr, trotz seiner vielen Pflichten als CEO. Alle Bereiche, in denen die Volontäre arbeiten, sind so unterschiedlich, es ist immer wieder spannend einen Blick in die anderen Projekte zu werfen. Zum Beispiel durfte ich einen Tag beim „Poverty Survey“ in den Slums dabei sein und auch selbst bei der Datenerhebung helfen.

 

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Poverty Survey im Slum von Nimtala mit den Volontären Maurice und Pete aus England (links) und ihren indischen Praktikanten (rechts)

Ich besuche regelmäßig einen Kunstkurs und lerne Bengalisch und kann so auch außerhalb der Arbeit soziale Kontakte aufbauen und pflegen. Ich würde jedem Volontär empfehlen, ein paar Wörter Bengalisch zu lernen. Die Mitarbeiter freuen sich sehr, wenn man sie in ihrer Muttersprache begrüßt und es bricht das Eis. Auch wenn die Menschen hier in der Regel herzlich und offen sind, war es trotzdem eine Herausforderung mich in der neuen Kultur zurecht zu finden. Nach drei Monaten kann ich endlich sagen, dass ich mich wirklich hier zu Hause fühle und die Stadt lieben gelernt habe. Eine besonders bereichernde Erfahrung war das Durga Puja Fest, an dem mich meine lokalen Freunde hier haben teilhaben lassen und mich herumgeführt haben.

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Pandals während des Durga Puja Fests

Die Arbeit bei Calcutta Rescue ist anders als erwartet, aber gerade dies und die Abwechslung macht die Arbeit jeden Tag wieder spannend. Die größte Herausforderung ist, dass sich die Funktion des Volontär Apothekers in der letzten Zeit so sehr gewandelt hat. Es gibt keine festen Aufgaben innerhalb der Apotheke mehr für mich, wie die Volontäre in den Jahren zuvor innehatten. Dank der Leitung durch den lokalen Apotheker Santanu sind alle essentiellen Aufgabenbereiche abgedeckt und die Arbeit der Apotheke läuft auch ohne die Unterstützung eines Volontärs. Das heißt, ich darf mich auf die Evaluation und Verbesserung der Arbeitsprozesse stürzen, sowohl in der Apotheke als auch in den Ambulanzen.

Meine erste Zeit habe ich vor allem damit verbracht die Medikamente, die in der Talapark Ambulanz (TPC) ausgegeben werden zu kontrollieren um Flüchtigkeitsfehler, die beim Abpacken passieren können, zu minimieren. So konnte ich guten Kontakt zu den Mitarbeitern am „Dispensary Table“ aufbauen und auch wenn ich in der Apotheke arbeite, schaue ich morgens einmal in TPC vorbei und trinke einen Chai mit den Mitarbeitern dort.

Ich habe mein erstes Audit bezüglich Antibiotikaverbrauch in TPC durchgeführt, ein weiteres steht demnächst für die Nimtala Ambulanz an. Ich veranstalte ein regelmäßiges Training über verschiedene Medikamentengruppen und –anwendung mit den Mitarbeitern der Ambulanzen. Mein jetziges Projekt ist ein kurze Patientenstudie in TPC bezüglich Compliance und Verständnis für Krankheit und Medikamente. Dabei knüpfe ich an die Arbeit meiner Vorgängerin Luisa aus 2017 an, mit tatkräftiger Unterstützung von Anita, die u.a. im Health Education Programm tätig ist und sich um die Beratung und Abgabe der Medikamente an den Patienten kümmert. Das optimale Ziel in Zukunft wäre es, unseren Apotheker Santanu mehr in der klinischen Arbeit zu involvieren und ein effektives Medikationsmanagement für multimorbide Patienten zu gewährleisten. Die Arbeit mit Anita hat mir besonders viel Spaß gemacht und kommt der Arbeit in der öffentlichen Apotheke am nächsten. Ich würde gerne weiterhin mit Anita arbeiten, die Beratung des Patienten verbessern und die Lücken zwischen Arzt und Apotheker schließen.

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Apotheker Santanu und Shuvo in der Apotheke (links), Dispensary Table in TPC mit Bornali und Shubra (mitte), Dakhineshwar Slum mit Jaydeep und Debu zur Besichtigung der neu gebauten Toiletten und Wasserzugänge (rechts)
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Street Medicine Ambulanz II in Liluah Bhagat (links) und Kolkata Station Slum (rechts)

Ich denke, dass der Austausch mit neuen Volontären mit neuem Input und Erfahrungen sehr wichtig ist. Jeder arbeitet anders, es ist manchmal schwierig an die Arbeit eines vorangegangen Volontärs anzuknüpfen ohne direkte Übergabe. Es ist lohnenswert über einen längeren Zeitraum in Kalkutta zu arbeiten, um ein tieferes Verständnis für die  Arbeit von Calcutta Rescue zu entwickeln. Ich hoffe, dass ich wenigstens einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der Organisation leisten kann. Es gibt immer etwas Neues zu lernen und der Kontakt mit der Kultur ist jeden Tag wieder eine bereichernde Erfahrung. Ich bin gespannt, was mich in meiner restlichen Zeit hier erwartet.

 

Rein in die indische Kultur!

Marion Schade, Fachapothekerin für klinische Pharmazie, Mai 2016

Eine Stadt mit Charme

Sechs Monate Kalkutta! Bevor ich hier angekommen bin, wusste ich nicht viel über diese Stadt, obwohl ich schon einmal hier gewesen war. Kalkutta gehört zusammen mit Delhi und Mumbai zu den drei wichtigsten Metropolen des Landes. Armut ist das Thema, das wir im reichen Westen mit Kalkutta verbinden. Ja, die Menschen hier sind arm. Gleichzeitig sind sie aber auch reich, weil sie freundlich und offen sind. Die lächelnden Gesichter und die Hilfsbereitschaft prägen das Ambiente der Stadt. Kalkutta hat auch künstlerische und intellektuelle Seiten zu bieten, die man als Tourist vermutlich gar nicht wahrnimmt. Konzerte, Lesungen und andere kulturelle Veranstaltungen sowie einige schöne Cafés kann man in seiner Freizeit genießen.

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Ein ganz normaler Arbeitstag

Morgens bevor ich mich in eine überfüllte Metro zwänge, komme ich an mehreren kleinen Geschäften vorbei, einem Fleischer, einem Chai-Stand und einem Restaurant. Manchmal treffe ich auch zwei Hirten vom Land, die ihre Ziegen auf dem Bürgersteig füttern und verkaufen. Die meisten Ladenbesitzer kennen mich bereits und grüßen mich freundlich mit einem typisch indischen Kopfwackeln. Die Metro bringt mich in den Norden der Stadt, wo die Talapark Ambulanz, die Talapark Schule und die Apotheke von Calcutta Rescue zu finden sind. Der Weg zur Apotheke führt mich an einem Markt vorbei. Ich sehe wie Hühner geschlachtet werden und gehe schnell weiter zu meinem Lieblings-Chai-Stand. Es sind ca. 40°C und 60% Luftfeuchtigkeit. Ich schwitze und meide die Sonne. Ich trinke einen Chai, der mir Energie und Abkühlung verschafft. Dann laufe ich weiter, grüße den Straßenfriseur, den Fahrrad/Rickschareparateur und zum Schluss noch den Fischverkäufer, der zwei Kater als ständige Verehrer hat.

Ich komme in der Apotheke an und freue mich, dass die dicken Wände den Großteil der Hitze draußen halten und ein Ventilator über meinem Kopf surrt. Die drei einheimischen Mitarbeiter der Apotheke begrüßen mich lächelnd und ich beginne mit meinen verschiedenen Aufgaben. Arzneimittelspenden müssen sortiert und in eine Excel-Tabelle eingetragen werden. Beim Sortieren wird mir fleißig geholfen. Einiges ist bereits verfallen. Ich recherchiere und beantworte Fragen der Ärzte zu den Arzneimitteln, beantrage neue Spenden unserer regelmäßigen Spender (z.B. Vitamin A für die Schulkinder), pflege unsere UpToDate Arzneimitteldatenbank und bereite Präsentationen vor. Einmal im Monat findet ein Ärztetreffen statt. Die Ärzte unserer Ambulanzen und die Volontäre treffen sich, um Fälle und aktuelle Angelegenheiten zu diskutieren. In diesem Rahmen bereite ich eine kurze Präsentation vor. Hierfür wähle ich ein aktuelles Thema und stelle die neuesten Entwicklungen und den geltenden medizinischen Informationsstand dar. Die anderen Präsentationen bestehen aus den “Phamacy lessons”. Diese einstündigen Unterrichtseinheiten finden einmal pro Woche statt und schulen das Gesundheitspersonal der Ambulanzen. Die tägliche Belieferung der Ambulanzen, Bestellungen und Kommunikation mit den Lieferanten wird von den einheimischen Mitarbeitern organisiert.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen in der Apotheke und später getaner Arbeit mache ich mich nachmittags auf den Weg zurück zu meiner Bleibe im Süden der Stadt. Bevor ich in eine dieses Mal nicht überfüllte Metro steige, mache ich schnell noch eine Chai-Pause bei meinem Lieblingsstand.

Projekte außerhalb der Apotheke

An zwei Tagen in der Woche bin ich der Talapark Schule und bearbeite die Arzneimittelliste der medizinischen Schulsoftware. Standarduntersuchungen der Kinder (Alter, Größe, Gewicht, BMI, Zustand der Zähne), Behandlungen, Gabe von Vitamin A, Entwurmungen und spezielle Ernährungspläne für unterernährte Kinder werden hier dokumentiert. Zwei weitere Volontäre sind abwechselnd in unseren beiden Schulen und schulen das Personal, die Schulsoftware optimal zu nutzen.

Einmal pro Woche verkauft Calcutta Rescue die im Handarbeitsprojekt handgemachten Souvenirs. Alle Volontäre helfen abwechselnd bei diesem Verkauf mit. Die fairgehandelten Produkte werden hier nicht nur verkauft, sondern es werden auch Informationen über den Verein in Gesprächen mit Interessierten weiter gegeben.

Ein paar Worte zum Schluss

Die Arbeit bei Calcutta Rescue ist auf eine ganz andere Art und Weise lehrreich als die Arbeit in Deutschland. Sie ist eine kulturelle Bereicherung. Es macht Spaß mit den freundlichen Mitarbeitern zusammen zu arbeiten. Eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte!

 

Kalkutta? No Problem!

Im Gespräch mit den Volontärapothekern Christian Siewert und Stefanie Weißig

Christian Siewert und Stefanie Weißig sind zwei Apotheker, die 2014 für sechs Monate für Calcutta Rescue als Volontär gearbeitet haben.

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Christian Siewert und Stefanie Weißig bei der Vergabe von Zertifikaten an die Calcutta Rescue Mitarbeiter für die erfolgreich bestandene Weiterbildung

Stefanie denkt an ihre Entscheidung zurück, nach Kalkutta zu gehen:

„Meinen Job als Krankenhausapothekerin in Deutschland aufzugeben, um sechs Monate als Freiwillige in Kalkutta zu arbeiten, erschien den meisten meiner Freunde und Familie als ungewöhnliche, wenn nicht gar unverständliche Karriereentscheidung. Nichtsdestotrotz träumte ich von einer neuen beruflichen und persönlichen Herausforderung und der Möglichkeit, eine Veränderung in meinem und dem Leben anderer herbeizuführen. Ich verbrachte viel Zeit damit, eine Organisation zu finden, die ich so effektiv wie möglich mit meiner Arbeitserfahrung als Krankenhausapothekerin unterstützen konnte. Schließlich erzählte mir eine Apothekerin von Apotheker ohne Grenzen über die herausragende Arbeit von Calcutta Rescue für die Ärmsten der Armen in Kalkutta und Westbengalen. Als ich von den verschiedenen Projekten hörte und wie Volontärapotheker aus der ganzen Welt in einer langen Tradition dazu beigetragen haben, brauchte es nicht lange, mich zu überzeugen. Das war genau das, was ich machen wollte.“

Sowohl Christian als auch Stefanie lernten sehr viel aus den Erfahrungen und Herausforderungen, denen sie während ihrer Arbeit für Calcutta Rescue begegneten.

Christian erzählt:

„Die Art, wie Calcutta Rescue mit begrenzten Mitteln Probleme angeht, ist beeindruckend und inspirierend... Egal wo ich hinging, die Menschen waren geduldig und freundlich.

Unsere Hauptaufgaben beinhaltete das Verwalten der Arzneimittelspenden, das Organisieren von neuen Spenden, die Unterstützung der indischen Angestellten der Calcutta Rescue Apotheke, das Überwachen der Verfalldaten der gelagerten Medikamente und der Bestellmengen, das Bereitstellen von Arzneimittelinformationen für die Ärzte und das Verbessern des Bestellsystems zwischen den Ambulanzen und der Zentralapotheke. Wir führten außerdem Schulungen für die medizinischen Angestellten der Calcutta Rescue Ambulanzen durch, berieten die Ärzte zu Verschreibungen und nahmen am Medical Audit Committee teil.“

Stefanie berichtet von ihrer Arbeit:

„An einem normalen Arbeitstag verbrachte ich den Vormittag in der Zentralapotheke, um das Apothekenteam bei ihrer alltäglichen Arbeit zu unterstützen. Ich beantwortete E-Mails zu Arzneimittelfragen, verzeichnete oder verwaltete neue Arzneimittelspenden und machte die Gegenprobe der gerichteten Lieferungen für die Ambulanzen. Nach einem kleinen und leckeren Mittagessen aus Reis und Dal in der Apotheke arbeitete ich gewöhnlich an verschiedenen Projekten am Nachmittag. Als ich nach Indien kam, um als Apothekerin zu arbeiten, hatte ich nicht erwartet, dass ich mich durch Papierakten kämpfen würde, um das klinische Resultat von Krebspatienten zu recherchieren, dass ich therapeutische Gesichtsmassagen für Kinder mit Lernschwierigkeiten geben würde, dass ich an Wasserfarbmalkursen mit ihnen teilnehmen würde, dass ich Leprawunden vor der mobilen Ambulanz versorgen würde oder dass ich fair gehandelte Handarbeiten in einer Hotellobby an Touristen verkaufen würde. Aber all dies waren willkommene Ergänzungen zu meiner Routine in der Apotheke und halfen mir, mein Herz zu öffnen für die Leute, zu deren Hilfe ich gekommen war.

Stefanie spricht auch von ihrem Leben in Kalkutta außerhalb der Arbeit:

„Neben der Arbeit genieße ich besonders den reichhaltigen kulturellen Schatz, den Kalkutta birgt. Dank unserer wunderbaren Gastgeber hatte ich die Gelegenheit, an einem Livekonzert klassischer indischer Musik mit zwei außergewöhnlichen Sitar- und Tablaspielern teilzunehmen. Es war sehr intensiv und meine Lieblingserfahrung indischer Kultur. Und es wird sogar noch aufregender jetzt, wo uns Durga Puja, vielleicht DAS kulturelle Highlight im bengalischen Kalender, erwartet. Nach drei Monaten in Kalkutta fühle ich ein starke Verbindung zu der Stadt und ihren Menschen und ich bin glücklich, hier zu sein und mit ihnen zu feiern.“

Calcutta Rescue Deutschland e.V. dankt den beiden für ihre gute, wichtige und freiwillige Arbeit.

 

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