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Rein in die indische Kultur!

Marion Schade, Fachapothekerin für klinische Pharmazie, Mai 2016

Eine Stadt mit Charme

Sechs Monate Kalkutta! Bevor ich hier angekommen bin, wusste ich nicht viel über diese Stadt, obwohl ich schon einmal hier gewesen war. Kalkutta gehört zusammen mit Delhi und Mumbai zu den drei wichtigsten Metropolen des Landes. Armut ist das Thema, das wir im reichen Westen mit Kalkutta verbinden. Ja, die Menschen hier sind arm. Gleichzeitig sind sie aber auch reich, weil sie freundlich und offen sind. Die lächelnden Gesichter und die Hilfsbereitschaft prägen das Ambiente der Stadt. Kalkutta hat auch künstlerische und intellektuelle Seiten zu bieten, die man als Tourist vermutlich gar nicht wahrnimmt. Konzerte, Lesungen und andere kulturelle Veranstaltungen sowie einige schöne Cafés kann man in seiner Freizeit genießen.

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Ein ganz normaler Arbeitstag

Morgens bevor ich mich in eine überfüllte Metro zwänge, komme ich an mehreren kleinen Geschäften vorbei, einem Fleischer, einem Chai-Stand und einem Restaurant. Manchmal treffe ich auch zwei Hirten vom Land, die ihre Ziegen auf dem Bürgersteig füttern und verkaufen. Die meisten Ladenbesitzer kennen mich bereits und grüßen mich freundlich mit einem typisch indischen Kopfwackeln. Die Metro bringt mich in den Norden der Stadt, wo die Talapark Ambulanz, die Talapark Schule und die Apotheke von Calcutta Rescue zu finden sind. Der Weg zur Apotheke führt mich an einem Markt vorbei. Ich sehe wie Hühner geschlachtet werden und gehe schnell weiter zu meinem Lieblings-Chai-Stand. Es sind ca. 40°C und 60% Luftfeuchtigkeit. Ich schwitze und meide die Sonne. Ich trinke einen Chai, der mir Energie und Abkühlung verschafft. Dann laufe ich weiter, grüße den Straßenfriseur, den Fahrrad/Rickschareparateur und zum Schluss noch den Fischverkäufer, der zwei Kater als ständige Verehrer hat.

Ich komme in der Apotheke an und freue mich, dass die dicken Wände den Großteil der Hitze draußen halten und ein Ventilator über meinem Kopf surrt. Die drei einheimischen Mitarbeiter der Apotheke begrüßen mich lächelnd und ich beginne mit meinen verschiedenen Aufgaben. Arzneimittelspenden müssen sortiert und in eine Excel-Tabelle eingetragen werden. Beim Sortieren wird mir fleißig geholfen. Einiges ist bereits verfallen. Ich recherchiere und beantworte Fragen der Ärzte zu den Arzneimitteln, beantrage neue Spenden unserer regelmäßigen Spender (z.B. Vitamin A für die Schulkinder), pflege unsere UpToDate Arzneimitteldatenbank und bereite Präsentationen vor. Einmal im Monat findet ein Ärztetreffen statt. Die Ärzte unserer Ambulanzen und die Volontäre treffen sich, um Fälle und aktuelle Angelegenheiten zu diskutieren. In diesem Rahmen bereite ich eine kurze Präsentation vor. Hierfür wähle ich ein aktuelles Thema und stelle die neuesten Entwicklungen und den geltenden medizinischen Informationsstand dar. Die anderen Präsentationen bestehen aus den “Phamacy lessons”. Diese einstündigen Unterrichtseinheiten finden einmal pro Woche statt und schulen das Gesundheitspersonal der Ambulanzen. Die tägliche Belieferung der Ambulanzen, Bestellungen und Kommunikation mit den Lieferanten wird von den einheimischen Mitarbeitern organisiert.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen in der Apotheke und später getaner Arbeit mache ich mich nachmittags auf den Weg zurück zu meiner Bleibe im Süden der Stadt. Bevor ich in eine dieses Mal nicht überfüllte Metro steige, mache ich schnell noch eine Chai-Pause bei meinem Lieblingsstand.

Projekte außerhalb der Apotheke

An zwei Tagen in der Woche bin ich der Talapark Schule und bearbeite die Arzneimittelliste der medizinischen Schulsoftware. Standarduntersuchungen der Kinder (Alter, Größe, Gewicht, BMI, Zustand der Zähne), Behandlungen, Gabe von Vitamin A, Entwurmungen und spezielle Ernährungspläne für unterernährte Kinder werden hier dokumentiert. Zwei weitere Volontäre sind abwechselnd in unseren beiden Schulen und schulen das Personal, die Schulsoftware optimal zu nutzen.

Einmal pro Woche verkauft Calcutta Rescue die im Handarbeitsprojekt handgemachten Souvenirs. Alle Volontäre helfen abwechselnd bei diesem Verkauf mit. Die fairgehandelten Produkte werden hier nicht nur verkauft, sondern es werden auch Informationen über den Verein in Gesprächen mit Interessierten weiter gegeben.

Ein paar Worte zum Schluss

Die Arbeit bei Calcutta Rescue ist auf eine ganz andere Art und Weise lehrreich als die Arbeit in Deutschland. Sie ist eine kulturelle Bereicherung. Es macht Spaß mit den freundlichen Mitarbeitern zusammen zu arbeiten. Eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte!

 

Kalkutta? No Problem!

Im Gespräch mit den Volontärapothekern Christian Siewert und Stefanie Weißig

Christian Siewert und Stefanie Weißig sind zwei Apotheker, die 2014 für sechs Monate für Calcutta Rescue als Volontär gearbeitet haben.

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Christian Siewert und Stefanie Weißig bei der Vergabe von Zertifikaten an die Calcutta Rescue Mitarbeiter für die erfolgreich bestandene Weiterbildung

Stefanie denkt an ihre Entscheidung zurück, nach Kalkutta zu gehen:

„Meinen Job als Krankenhausapothekerin in Deutschland aufzugeben, um sechs Monate als Freiwillige in Kalkutta zu arbeiten, erschien den meisten meiner Freunde und Familie als ungewöhnliche, wenn nicht gar unverständliche Karriereentscheidung. Nichtsdestotrotz träumte ich von einer neuen beruflichen und persönlichen Herausforderung und der Möglichkeit, eine Veränderung in meinem und dem Leben anderer herbeizuführen. Ich verbrachte viel Zeit damit, eine Organisation zu finden, die ich so effektiv wie möglich mit meiner Arbeitserfahrung als Krankenhausapothekerin unterstützen konnte. Schließlich erzählte mir eine Apothekerin von Apotheker ohne Grenzen über die herausragende Arbeit von Calcutta Rescue für die Ärmsten der Armen in Kalkutta und Westbengalen. Als ich von den verschiedenen Projekten hörte und wie Volontärapotheker aus der ganzen Welt in einer langen Tradition dazu beigetragen haben, brauchte es nicht lange, mich zu überzeugen. Das war genau das, was ich machen wollte.“

Sowohl Christian als auch Stefanie lernten sehr viel aus den Erfahrungen und Herausforderungen, denen sie während ihrer Arbeit für Calcutta Rescue begegneten.

Christian erzählt:

„Die Art, wie Calcutta Rescue mit begrenzten Mitteln Probleme angeht, ist beeindruckend und inspirierend... Egal wo ich hinging, die Menschen waren geduldig und freundlich.

Unsere Hauptaufgaben beinhaltete das Verwalten der Arzneimittelspenden, das Organisieren von neuen Spenden, die Unterstützung der indischen Angestellten der Calcutta Rescue Apotheke, das Überwachen der Verfalldaten der gelagerten Medikamente und der Bestellmengen, das Bereitstellen von Arzneimittelinformationen für die Ärzte und das Verbessern des Bestellsystems zwischen den Ambulanzen und der Zentralapotheke. Wir führten außerdem Schulungen für die medizinischen Angestellten der Calcutta Rescue Ambulanzen durch, berieten die Ärzte zu Verschreibungen und nahmen am Medical Audit Committee teil.“

Stefanie berichtet von ihrer Arbeit:

„An einem normalen Arbeitstag verbrachte ich den Vormittag in der Zentralapotheke, um das Apothekenteam bei ihrer alltäglichen Arbeit zu unterstützen. Ich beantwortete E-Mails zu Arzneimittelfragen, verzeichnete oder verwaltete neue Arzneimittelspenden und machte die Gegenprobe der gerichteten Lieferungen für die Ambulanzen. Nach einem kleinen und leckeren Mittagessen aus Reis und Dal in der Apotheke arbeitete ich gewöhnlich an verschiedenen Projekten am Nachmittag. Als ich nach Indien kam, um als Apothekerin zu arbeiten, hatte ich nicht erwartet, dass ich mich durch Papierakten kämpfen würde, um das klinische Resultat von Krebspatienten zu recherchieren, dass ich therapeutische Gesichtsmassagen für Kinder mit Lernschwierigkeiten geben würde, dass ich an Wasserfarbmalkursen mit ihnen teilnehmen würde, dass ich Leprawunden vor der mobilen Ambulanz versorgen würde oder dass ich fair gehandelte Handarbeiten in einer Hotellobby an Touristen verkaufen würde. Aber all dies waren willkommene Ergänzungen zu meiner Routine in der Apotheke und halfen mir, mein Herz zu öffnen für die Leute, zu deren Hilfe ich gekommen war.

Stefanie spricht auch von ihrem Leben in Kalkutta außerhalb der Arbeit:

„Neben der Arbeit genieße ich besonders den reichhaltigen kulturellen Schatz, den Kalkutta birgt. Dank unserer wunderbaren Gastgeber hatte ich die Gelegenheit, an einem Livekonzert klassischer indischer Musik mit zwei außergewöhnlichen Sitar- und Tablaspielern teilzunehmen. Es war sehr intensiv und meine Lieblingserfahrung indischer Kultur. Und es wird sogar noch aufregender jetzt, wo uns Durga Puja, vielleicht DAS kulturelle Highlight im bengalischen Kalender, erwartet. Nach drei Monaten in Kalkutta fühle ich ein starke Verbindung zu der Stadt und ihren Menschen und ich bin glücklich, hier zu sein und mit ihnen zu feiern.“

Calcutta Rescue Deutschland e.V. dankt den beiden für ihre gute, wichtige und freiwillige Arbeit.

 

Für Calcutta Rescue in Indien

Maria Baumann, Apothekerin in Regensburg

Kalkutta – dabei denken viele nicht zu Unrecht an das Armenhaus Indiens. Schließlich gibt es hier Millionen Menschen, die auf der Straße oder in Slums leben und sich den Lebensunterhalt jeden Tag aufs Neue hart erarbeiten oder erbetteln müssen. Für genau diese Menschen arbeitet Calcutta Rescue, die Hilfsorganisation, für die ich unmittelbar nach Abschluss meines Studiums sechs Monate ehrenamtlich als Apothekerin tätig war.

Die Reaktionen, wenn ich vor meiner Abreise davon erzählt habe, reichten von Bewunderung bis hin zu absolutem Unverständnis. Ich selbst habe meine Entscheidung nie bereut, auch wenn ich in Kalkutta viele Höhen und Tiefen mitgemacht habe. Normalität gibt es in dieser von extremen Gegensätzen geprägten Stadt nicht.Maria

Calcutta Rescue wurde 1979 vom britischen Arzt Dr. Jack Preger gegründet. Er begann, die Ärmsten der Armen auf den Gehsteigen von Kalkutta kostenlos zu behandeln. Mittlerweile ist daraus eine große Organisation geworden: es gibt drei Ambulanzen, zwei Schulen, ein Handarbeits- und diverse kleinere Projekte in Kalkutta und den ländlichen Regionen Westbengalens. Rund 170 Inder werden in ihrer Arbeit von Volontären aus aller Welt unterstützt. 

Mein Arbeitstag als Volontär beginnt meist in der zentralen Apotheke von Calcutta Rescue. Von dieser aus werden alle Projekte mit Medikamenten und Hilfsmitteln versorgt. Vier fest angestellte Inder kümmern sich um das Alltagsgeschäft. Sie beliefern die Bestellungen der Ambulanzen, sorgen dafür, dass das Warenlager immer gut gefüllt ist, kontrollieren Verfallsdaten sowie Kühlschranktemperatur und erledigen weitere anfallende Aufgaben. Wir ehrenamtlichen Apotheker und Pharmaziepraktikanten unterstützen sie dabei und sind die ersten Ansprechpartner wenn Probleme auftreten. Für die Bestellung der HIV-Medikamente sind wir alleine verantwortlich, da diese verhältnismäßig teuer sind. Einmal pro Woche findet die HIV-Ambulanz statt, zu der die Patienten zum Teil hunderte Kilometer anreisen, weil es für sie die einzige Möglichkeit ist ihre lebenswichtigen Medikamente zu bekommen. Viele HIV-positive Patienten bekommen ihre Medikamente kostenlos in öffentlichen Krankenhäusern, aber wenn Resistenzen auftreten sind die richtigen Mittel oft nicht verfügbar. Hier setzt Calcutta Rescue an: die Lücken im Versorgungssystem durch die Regierung sollen gefüllt werden.

Weitere Tätigkeiten als Volontär sind das Sortieren und Verwalten von Sachspenden sowie Besuche in den Ambulanzen. In diesen warten die Patienten zum Teil stundenlang geduldig bis sie vom Arzt untersucht werden. Privatsphäre gibt es nicht, da alles einem Raum stattfindet. Der Arzt verschreibt auf der Patientenkarte die Medikamente, welche dann in der sog. Medicine Section abgegeben werden. Das Sortiment reicht von ganz „normalen“ Medikamenten wie Antidiabetika, Antibiotika oder Asthmasprays bis hin zu Arzneimitteln gegen Tuberkulose und Wurminfektionen. Zunächst wird die Verschreibung auf ein Papiertütchen übertragen, welches mit Piktogrammen versehen ist. Viele Patienten sind Analphabeten und so ist eine auf- oder untergehende Sonne die einzige Möglichkeit zu kennzeichnen, wann die Medikamente einzunehmen sind. Danach werden die Tabletten genau abgezählt und mitsamt Blistern in die Tüten gesteckt. Packungen oder Beipackzettel gibt es nicht, dafür wird den Patienten von besonders ausgebildetem Personal die genaue Einnahme erklärt. Für die pharmazeutische Weiterbildung der Angestellten sind ebenfalls die Volontäre verantwortlich. Hierfür werden Unterrichtseinheiten, z.B. zu Bluthochdruck oder dazu, was bei verschiedenen Darreichungsformen zu beachten ist, angeboten und mit einer Prüfung abgeschlossen.

MariaAuch die regelmäßige Teilnahme an Meetings, zum Beispiel einmal monatlich mit allen Ärzten, steht auf dem Arbeitsplan. Es werden verschiedene Patientenfälle diskutiert und oft kommen dabei pharmazeutische Fragen auf. Das kann von einer simplen Auskunft über Preis und Verfügbarkeit eines Medikaments bis hin zur leitliniengerechten Therapie von Lipidstoffwechselstörungen gehen. Dabei lernt man auch einiges über Krankheiten, von denen man bis dahin noch nichts gehört hatte.

Doch Kalkutta ist nicht nur eine fachliche Herausforderung. Das Leben in der 16-Millionen-Metropole mit dem unbeschreiblichen Lärm und dem lebensbedrohlichen Verkehr brachte mich das ein oder andere Mal auch an meine persönlichen Grenzen. Ohne Selbständigkeit, Durchhaltevermögen und Einfallsreichtum kommt man dort nicht weit. Selten funktioniert ein Versuch auf Anhieb, aber dafür ist das Glücksgefühl umso größer, wenn man ein Projekt erfolgreich zu Ende bringt. Sich über die kleinen Dinge freuen – das lernt man im Trubel von Kalkutta ziemlich gut. Das kann die Lieferung Vitamin A Kapseln sein, die nach zwei Monaten Papierkram und vielen E-Mails endlich ankommt. Oder aber auch einfach der freundliche Chaiverkäufer, der mich schon nach wenigen Tagen wieder erkannte und ab da immer freundlich gegrüßt hat. Auch wenn die Menschen nicht viel haben, sie haben fast immer ein Lächeln auf den Lippen und erinnern mich daran, dass man das Leben nicht so schwer nehmen, sondern das Beste daraus machen sollte.

Alles in allem war die Zeit bei Calcutta Rescue unvergesslich. Meine Bedenken, dass ich als Berufsanfängerin der Aufgabe vielleicht nicht gewachsen wäre, haben sich schnell zerstreut. Es kommt nicht nur auf fachliches Wissen an, sondern vor allem auf Eigenschaften wie Selbstverstrauen, Eigenständigkeit und Organisationstalent. Neben einigen fachlichen Gesichtspunkten habe ich in Kalkutta viel für mich persönlich und darüber, was ich im Leben erreichen möchte, dazu gelernt.

 

Dieser Erfahrungsbericht wurde 2013 in der UniDAZ veröffenlicht: http://unidaz.de/2013/fur-calcutta-rescue-in-indien/

 

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