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 von Corana Wolk, 34, Apothekerin und Heilpraktikerin, lebt und arbeitet in Köln

Januar 2009

Nun ist sie also vorbei - die Zeit in Indien, und sie ging unglaublich schnell vorüber. Dieser Rhythmus, dieses Tempo, diese Geschwindigkeit des großen Landes sind unfassbar, nicht wirklich begreifbar, und doch so real, dass Fremde wie wir jeden Tag aufs Neue mit einer unglaublichen Flut von Eindrücken und Impressionen und Sinnessensationen zu kämpfen haben.

Die Verarbeitung von Gegensätzen, die so stark wie in keinem anderen Land der Welt ausgeprägt sind, ist nicht einfach, es verfolgt dich immerzu, an jeder Ecke, jeden Straßenzug entlang, in Häusern, in kleinen Shops, beim Tee trinken an einer Kreuzung, an der die Busse sich verlangsamen, aber nicht anhalten, um Passagiere aussteigen und aufspringen zu lassen, im Internetshop, im Tempel, der Moschee, der Kirche, usw. Es ist nicht nur diese unglaubliche Hitze, der unvorstellbare Regen während der Monsunzeit, dem kein noch so guter Regenschirm standhalten kann, es ist nicht nur der schreiende Muezzin und der bettelnde kleine Kerl an der Ecke, an der wir jeden Morgen unsere Zeitung kauften, was Indien ausmacht. Es ist auch nicht allein der Geruch, der von duftendem Essen aus kleinen und großen Töpfen und Pfannen uns in unsere Nasen strömt, und schon zwei Meter weiter wieder abgelöst wird von einem schier unerträglichen, Übelkeit hervorrufendem Gestank der Müllhalde. Über dieser kreisen Krähen, so groß wie Adler, und im Müll suchen Hunde, Katzen, Ratten und Menschen nach Brauchbarem, nach Überresten, die noch verwertbar sind. Es lässt uns erschreckt stehen bleiben in den ersten Tagen, später ist "man dran gewöhnt"…. Am Straßenrand schläft eine Familie, die Frau war vor ein paar Tagen noch schwanger, wir haben sie oft hier gesehen und nun hat sie entbunden. Sie hat das vielleicht 8 Tage alte Mädchen liebevoll auf zusammengefaltete Decken gelegt, zugedeckt mit einer kleinen Mosquitohaube, die so ähnlich aussieht wie eine Käseglocke, die wir in Deutschland im Sommer als Schutz gegen die Fliegen beim Grillen benutzen. Als ich das erste Mal vorbeiging, war ich fest davon überzeugt, dass dort eine Puppe liegt….


Ich kam in Kalkutta Mitte September an und schon nach den ersten Tagen wusste ich, hier ist alles anders als woanders. Man wird durch das Wetter, die Lebensphilosophie der Inder, den unglaublichen und teils wirklich lebensgefährlichen Verkehr, das scharfe und ungewohnte Essen, die hygienischen Zustände und das teils komplett unverständliche Englisch der Inder und durch so viele andere neue Eindrücke in einen komplett anderen Lebensstil gezwungen. Aber was heißt hier gezwungen, es war ja ein Wunsch, und zwar ein sehr großer!


Die Arbeit bei Calcutta Rescue beginnt am Morgen, nach einem Frühstück, wenn es noch nicht so unerträglich heiß in den Straßen der Stadt ist und man noch ein bisschen die Nachwirkungen der kalten Dusche auf der Haut spüren kann. Die Apotheke liegt im Norden der Stadt und der Weg führt einen nach der vollen Metro zuerst auf einen bunten Tagesmarkt, auf dem man sich ein frisches Huhn aussuchen kann, frische Papaya, Koriander, Curry, Kartoffeln, Reis, Waschpulver, Seife, Küchenzubehör kaufen oder seine kaputten Flipflops fachmännisch reparieren lassen kann. In der Apotheke läuft der Ventilator auf Hochtouren, er verschafft den Mitarbeitern dort ein wenig Abkühlung, das Telefon steht selten still, die Kliniken rufen an und erfragen Medikamentenpreise, Verfügbarkeiten, Lieferzeiten und so manches Präparat muss mal eben noch per Rikscha zur Talaparkklinik geliefert werden. Ich kontrolliere und überprüfe die neu gepackten Boxen für die Kliniken, scherze nebenbei mit Ipsit und Robin, die immer die Ruhe bewahren, auch wenn mal wieder zwanzig Dinge auf einmal erledigt werden sollen. 

Corana

Es ist schön, hier zu sein, den Arbeitsalltag hier zu erleben, sich einzufügen in ein neues System, Erfahrungen zu teilen und eigene Überzeugungen mitzuteilen und angenommen zu werden, so wie man ist. Auch das ist Indien, jeder darf so sein, wie er ist. Leben und leben lassen! Das Arbeiten in Indien ist anders als zu Hause, es ist schwerer, Dinge zu ändern, es braucht alles viel mehr Zeit und auch Papier!


Fast jede Woche kommen neue Medikamentenspenden. Meist aus Europa. Diese Spenden werden dokumentiert, kontrolliert und sortiert. Oft können wir diese Medikamente oder Medizinprodukte gut gebrauchen, die Ärzte werden in den Doktorsmeetings daraufhin angesprochen und wir Pharmazeuten versuchen, gerecht aufzuteilen. Wer etwas für die Kliniken besonders dringend braucht, soll es auch erhalten. Leider kommen oft verfallene Tabletten oder einzelne Tabletten (was soll man denn mit einer Tablette eines Antibiotikums???) in KalKutta an, und das ist so schade, es ist schwer, für die Volontäre, die Taschen zu transportieren, es kostet immense Kraft und letztendlich werfen wir es dann nur noch in den Müll. In den Dankesbriefen weisen wir immer wieder darauf hin und wir hoffen, dass es vielleicht in Zukunft besser wird.

Gegen Mittag ist die Arbeit in der Apotheke getan und die indischen Mitarbeiter schaffen den Nachmittag auch gut ohne mich, jahrelange Erfahrung hat exzellente Mitarbeiter hervorgebracht, und ich begebe mich noch auf eine Stippvisite in die nahegelegene Talaparkklinik. Schon draußen werde ich von Patienten mit ihren kleinen Kindern begrüßt, in den offenen Räumen der Klinik ist es dunkel, schattig und sogar etwas kühler als draußen. Meistens ist es hier gegen Mittag noch sehr voll, die Patienten sitzen geduldig und niemals unfreundlich in vollen Reihen, Kinder sitzen auf dem Schoss der Mütter oder spielen auf dem Boden, keiner ist ungeduldig, auch bei Wartezeiten, die unsereins schon auf die berühmte Palme gebracht hätte. Die Ärztinnen behandeln an mehreren zusammengeschobenen Tischen und neben Stethoskop, Waage, Mundspateln und fast 30 cm hohen Aktenbergen steht auch immer ein kleines Tässchen süßer Tee. Alles wird hier in einem großen, von allen sichtbaren Raum durchgeführt, auch das ist Indien, es stört hier niemandem, es gibt keine Intimsphäre, Privatsphäre, es ist normal, dass man sieht, was hier passiert. Auch das ist neu für uns, für mich als Europäer und ich stelle fest, was für ein Luxus es in Deutschland ist, zum Arzt in sein Zimmer zu kommen und ein 10 Minuten Gespräch oder Behandlung zu genießen, die nur für mich bestimmt ist.


Am Medicaltable werden alle Medikamente in Tüten gepackt, kontrolliert und dann erst mit ausführlicher Erklärung an den Patienten ausgehändigt.
Der ein oder andere Arzt hat immer eine Frage an den Pharmazeuten, sei es ein neues Medikament, Wirkungen, Nebenwirkungen, Möglichkeiten einer neuen oder besseren Therapie, die Bitte, etwas auszuarbeiten und beim nächsten Meeting vorzustellen oder etwas ganz schnell zu erledigen. Es ist toll für mich, zu erfahren, wie gut die Zusammenarbeit von Arzt und Apotheker funktionieren kann und sollte. Die Kompetenz der einzelnen Berufe ist hier eine Selbstverständlichkeit! Jede Woche mehrere Meetings -auch das ist normal in Indien. Da diese Organisation von Spendengeldern lebt, ist die Durchsichtigkeit der einzelnen Fälle, die auch sehr oft sehr schwierig zu beurteilen sind, äußerst wichtig. Können wir dem 2jährigen Mädchen die Chemotherapie bezahlen? Sollen wir die Physiotherapie dem alten, sturen Mann weiterbezahlen, der eigentlich nicht will, während die Physiotherapeutin verzweifelt versucht, ihn immer wieder neu zu motivieren? Es ist hart, aber das Geld kann und muss in diesem Fall dann für andere Patienten verwendet werden, oder sprechen wir nochmal mit ihm, erklären ihm die Lage und auch, dass das Geld für seine Therapie aus Spenden kommt? Genau diese Art der Entscheidungen wird in diesen Meetings getroffen, und nicht immer fällt es leicht, klar "ja" oder "nein" zu sagen.

Ich kann für mich sagen, dass das "Projekt Indien, CR" für mich eine unglaublich intensive Zeit war, die Monate in Indien zählen zu den wertvollsten meines Lebens, die Menschen und Freunde, die ich dort traf, haben mich bereichert, mein Herz berührt und werden immer ein Teil meiner Persönlichkeit bleiben. Es war nicht immer einfach, aber "wer ständig weiß, was er tut, lebt unter seinen Möglichkeiten"!

von Holger Dressler, Apotheker aus Berlin

In Indien profitiert vor allem die gebildete Mittelschicht in den Städten vom wirtschaftlichen Aufschwung der letzten Jahre, während auf dem Land veraltete Landwirtschaft, niedriger Bildungsstand und Unterernährung vorherrschen. Preissteigerungen bei Lebensmitteln sorgen für neuen Unmut und Proteste. Kalkutta (Kolkata) ist Zufluchtsort für Menschen, die am Aufschwung teilhaben wollen und doch zumeist nur ein Leben auf den überfüllten Straßen oder in Slums finden. So ist Kalkutta zu einem Zentrum für nationale und internationale humanitäre Anstrengungen geworden. Der Apotheker Holger Dreßler hat einige Monate bei der Hilfsorganisation Calcutta Rescue e.V. in Kalkutta mitgearbeitet und berichtet hier über die Organisation und seine Arbeit.


Calcutta Rescue ist eine Hilfsorganisation, die in den Slums von Kalkutta und ländlichen Gebieten West Bengalens in verschiedenen Bereichen der Entwicklungshilfe tätig ist. Neben medizinischer Versorgung spielt auch die Sozialarbeit sowie Gesundheitsaufklärung und Schul- und Berufsausbildung eine wichtige Rolle. Die Zentralapotheke der Organisation versorgt vier Straßenkliniken - so werden die Ambulanzen von Calcutta Rescue genannt - mit Arzneimitteln und Medizinprodukten. Dabei arbeiten ein bis zwei, meist aus Deutschland kommende, Apotheker gemeinsam mit den indischen Mitarbeitern, um eine qualitativ gute und preisgünstige Versorgung behandlungsbedürftiger Slumbewohner und Menschen die auf den Straßen leben mit Arzneimitteln sicherzustellen. Daneben ist der Apotheker Ansprechpartner für Ärzte und medizinisches Personal bei allen Fragen rund um Arzneimittel. In seinen Verantwortungsbereich fällt auch die Arzneimittelausgabe in den Kliniken, wobei jeder Patient seine verordneten Medikamente einzeln in Tütchen abgepackt ausgehändigt bekommt. Diese Tütchen sind mit Piktogrammen versehen um auch den Patienten, die nicht lesen können, die richtige Einnahme zu ermöglichen.

Envelopearzneimittelabgabe

Bild l.: Beschriftung und Piktogramm auf einem Tütchen vor dem Befüllen, Bild r.: Arzneimittelabgabe in einer der Ambulanzen

Viele Vorgänge und Abläufe ähneln denen in einer Krankenhausapotheke. Die so genannte Hausliste umfasst den Großteil des Arzneimittelbedarfs. Dabei wird versucht, über jährlich vertraglich festgelegte Preisabsprachen und Lieferverträge mit Großhändlern und Herstellern die Arzneimittelausgaben niedrig und kalkulierbar zu halten. In begründeten Bedarfsfällen können Sonderanforderungen gestellt und nicht gelistete Medikamente beschafft werden.

Mitunter finden sich ausländische Hersteller, welche Medikamente zu einem Sonderpreis oder sogar als Medikamentenspende liefern. So beliefert ein Schweizer Hersteller den jährlichen Bedarf an einem Vitamin-A Präparat und steuert einen Beitrag zur Beseitigung von Mangelernährung und daraus folgenden Erkrankungen bei. Inmitten der massiven Armut und den gesundheitlichen Problemen in den ärmeren Teilen der Bevölkerung sind das optimistisch stimmende Beispiele eines weltweiten Netzes für Entwicklungsarbeit. Aber auch indische Pharmahersteller bieten Calcutta Rescue oft ihre Medikamente zu günstigeren Preisen an, wie dies z.B. bei den immer noch sehr teuren HIV-Medikamenten der Fall ist.

Das Arzneimittelsortiment in der Apotheke ist breit gefächert. Neben Medikamenten für Indikationen wie Bluthochdruck, Schilddrüsenunterfunktion oder Epilepsie gibt es noch eine Reihe an Medikamenten gegen Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Malaria aber auch Lepra, deren Inzidenzen nach wie vor hoch sind. Bemerkenswert hoch ist die Rate an Diabeteserkrankungen, aber auch HIV stellt ein zunehmendes Problem dar. Neben der Arzneimittelversorgung wird deshalb die Gesundheitsaufklärung der Bevölkerung in sämtliche Projekte in den Kliniken, Schulen aber auch den Dorfprojekten in West Bengalen integriert, um hier präventiv tätig zu sein.

Zunehmend arbeitet Calcutta Rescue mit vom indischen Staat geförderten Sonderprojekten zusammen. So gibt es das so genannte Tuberkuloseprojekt, welches vor allem Menschen mit Verdacht auf Tuberkulose einer Diagnostik und gegebenenfalls anschließenden Therapie zuführt. Auch andere vom Staat geförderte Projekte machen deutlich, dass die Arbeit der Hilfsorganisationen nicht ausschließlich als vom Ausland initiierte Entwicklungsmaßnahme anzusehen ist. Diese positive Entwicklung zeigt, dass durch die gemeinsame Arbeit zwischen staatlichen Strukturen und Hilfsorganisationen die Projektarbeit optimiert und die Ziele schneller erreicht werden können. Durch den inzwischen gut ausgebauten Arzneimittelmarkt in Indien bestehen ausländische Hilfeleistungen weniger aus Arzneimittel- oder Sachspenden, sondern zunehmend aus Finanzmitteln. Der Technologietransfer und nicht zuletzt in vielen Arbeitsbereichen neu eingeführte EDV verbessern den Qualitätsstandard und den Erfahrungsaustausch mit Fachleuten aus dem Ausland.

Eine besondere Aufgabe während meiner sechsmonatigen Arbeit bei Calcutta Rescue war das Verteilen einer Arzneimittelgroßspende von einem Pharmahersteller aus dem Ausland. Zwei Paletten mit einem Gesamtgewicht von einer Tonne, bestehend aus Antibiotika, Schmerzmitteln, Vitamin-Präparaten aber auch Verbandsmaterial und Zahnbürsten, die z.B. an Kinder in den Schulen verteilt werden, waren eingetroffen. Leider lag die Lieferung aufgrund ungeklärter Zolleinfuhrbestimmungen viele Monate im Hafen von Mumbai. Ein Teil der Arzneimittel war bereits verfallen, andere hatten noch wenige Monate Verwendbarkeit. Neben dem logistischen Aufwand, der Verbuchung und Zwischenlagerung inmitten des Platzmangels, mussten wir versuchen, den Verbrauch von in Kürze verfallenden Medikamenten durch aut-simile-Austausch und Dosisanpassungen pharmazeutisch „möglichst sinnvoll“ zu unterstützen. Auch bei einem relativ hohen Anteil von Arzneimittelfälschungen stellt die indische Pharmaindustrie heutzutage fast jedes Arzneimittel zu einem besseren Preis her. Handelt es sich nicht wirklich um besondere Präparate oder größere Mengen gezielter Spenden für spezielle Zwecke oder Katastropheneinsätze, sind Arzneimittelspenden aus dem Ausland heutzutage oft nicht mehr zweckmäßig und verursachen mehr Aufwand und Kosten als eine vergleichbare Geldspende.

Calcutta Rescue steht in regelmäßigen Kontakt mit anderen Hilfsorganisationen in Kalkutta. Bei der spät eingetroffenen Spende war es so durch die vernetzte Zusammenarbeit möglich, die Medikamente, die sonst bald verfallen wären, an andere Organisationen abzugeben. Das Engagement zu Helfen und dem Elend nicht tatenlos gegenüber zu stehen, ist eine grundlegende Einstellung der vielen einheimischen aber auch ausländischen Mitarbeiter


Fazit: Calcutta Rescue bietet für Apotheker aber auch für Pharmaziepraktikanten die besondere Möglichkeit, als Volontär qualifiziert mitzuarbeiten bzw. einen Teil des praktischen Jahres zu absolvieren. Die Aufgaben des Apothekers sind vielseitig und verantwortungsvoll, wer sich jedoch dieser Herausforderung stellt, sammelt neben Berufserfahrung im Ausland interessante Einblicke in die Arbeit und Strukturen einer Hilfsorganisation und kann sich zugleich ein eigenes Bild von der faszinierenden Kultur aber auch den gesellschaftlichen Problemen dieses Landes machen.

von Dr. Burkhard Salfner

Wohltuend und erfreulich dass man mich am Flughafen abgeholt, mit einem Überlebenspaket für die ersten 24 Stunden bedacht und am ersten Tag in den örtlichen Gegebenheiten eingeführten hat. Nach 48 Stunden habe ich die 4,5 Stunden Zeitdifferenz und 25 Grad Temperaturdifferenz überwunden - im Kopf, der Körper brauchte ein paar Tage länger. Aber das klappt bei den meisten ganz gut im Hotel Galaxy, direkt gegenüber der von Volontären meist frequentierten "Modern Lodge" hat man mich für 6,90 Euros pro Tag einquartiert. Der Luxus einer europäischen Toilette, einer Dusche und Stromversorgung lässt mich den erbärmlichen Zustand des Viertels mit übelriechendem Müll auf den Straßen an allen Ecken und Enden, um den sich die Hunde und Krähen tagsüber balgen, dessen sich die Ratten aber nachts annehmen, vergessen. Es gibt auch bessere Viertel in dieser 15 Millionen Metropole, in denen man nicht so viele armselige Kreaturen sieht wie hier. Wer wie ich, vor 40 Jahren in diesen gearbeitet hat, merkt schnell dass sich die Gewichte verschoben haben. Nicht immer zum Besseren. Die Bevölkerung hat sich verdoppelt, die Infrastruktur, obwohl verzweifelt daran gearbeitet wir, ist nicht gleich schnell mitgewachsen, das Menschengeschiebe geht and die Nerven, der Verkehr chaotisch, die Luftverpestung unbeschreiblich und die Lärmbelästigung nahezu unerträglich.

Für den Volontär Apotheker beginnt der Tag mit der Arbeit in der Apotheke. Nicht ohne Frühstück in der Kneipe "Blue Sky", gemeinsam mit anderen Volontären, Rucksacktouristen, Gelegenheitshelfern bei "Mutter Theresa" etc. Der Weg zur Apotheke und den Kliniken wird größtenteils per U-Bahn und per pedes zurückgelegt. Die beiden Apothekenhelfer sind ein gut eingespieltes Team und bewältigen die Belieferung der täglichen Arzneimittelbestellungen der vier Kliniken in der Regel tadellos, auch eilige Notbestellungen.

Ähnlich die Überwachung des Personals an den Medizintischen der Kliniken bei der Aushändigung der Arzneimittel an die Patienten. Auch hier, so merkte ich, waren Instruktionen nur gelegentlich bei neuen Medikamenten und Medizinprodukten nötig, denn manche Mitarbeiter arbeiten seit zehn bis 14 Jahren an gleicher Stelle. Die Atmosphäre war stets von heiterer Gelassenheit, bei aller Konzentration auf die Aufgaben und es wurde viel gelacht. Ich hatte den festen Eindruck die Inder lebten ihr Leben bewusst schon während der Arbeit, wohingegen im Westen das Leben mancherorts erst mit der Freizeit beginnt.

Überhaupt war meine Tätigkeit von der Routine hin zu bestimmten Projekten gelenkt, die schon einige zeit in der Warteschleife harrten. So z.B. das Diabetesprogramm, das die Weitergabe von Diätinformationen an den Medizintischen, Kontaktnahme zu den Lieferanten von Blutzuckermessgeräten und Neueinführungen von Insulin-Pens, verbunden mit Demonstrationen vor den Ärztinnen, beinhaltete. Oder Erstellung einer Liste unserer Krebspatienten zur Evaluierung der explodierenden Kosten. Das bedeutet für mich das Durchackern aller Krankenblätter, wobei die Ärztinnen freundliche Lesehilfe leisteten. Oder Herstellung von Kontakten zu kompetenten Spezialisten, um unsere Ärzte weiterzubilden. Oder Erstellung von Listen gespendeter Arzneimittel, der Lagerung und Mitteilung solcher Bestände an die Kliniken. Oder die Demonstration der Handhabung der Inhalatoren für unsere Asthmapatienten vor den Ärzten und dem Klinikpersonal. Oder die Ankurbelung der Umsiedelung der Zentralapotheke in neue, etwas größere Räumlichkeiten, ein Projekt, das schon einige Zeit auf seine Umsetzung wartete. Endlich waren Räume gefunden und mit der Einrichtung begonnen worden, als der Vermieter, einen Rückzieher machte. Also ein neues, altes Projekt für nachfolgende Volontär-Apotheker/innen. Nicht zu vergessen die Teilnahme an den verschiedenen nachmittaglangen Komiteesitzungen in denen pharmazeutischer Sachverstand zu bestimmten Themen nachgefragt wurde.

Die Teilhabe am kulturellen Leben dieser außergewöhnlichen Stadt durch Besuch von Museen, Konzerten indischer wie europäischer Provenienz, Bibliotheken, Filmen, wie auch Kurzreisen in Westbengalen und umliegende Bundesstaaten haben mir den Alltag und die Wochenenden verschönt, dass dies gemeinsam mit vielen Calcutta-Rescue-Volontären geschehen konnte, hat meinen Aufenthalt in Indien zu einem unvergesslichen Erlebnis werden lassen. Der Abschied war nicht einfach.

 

von Ursula Stoerrle-Weiss

Wissen Sie, wie Aspirin Tabletten in Indien aussehen? Sind die häufig verordneten Magentabletten rot oder weiß? Und wie war das mit der Kombinationstherapie gegen Tuberkulose?

Keine alltäglichen Fragen für eine deutsche Apothekerin, die an moderne Computertechnik, alphabetisch geordnete Arzneimittel in großen Schubladen und saubere weiße Kittel gewöhnt ist. Dies alles lies ich zu Hause zurück und machte mich auf den Weg nach Kalkutta. In den nächsten Wochen war eine Straße mitten in den ärmeren Gegenden dieser Stadt mein Arbeitsplatz.

Die Menschen, die in die Kliniken von Calcutta Rescue zur kostenlosen Behandlung kommen, können sich noch nicht einmal die notwendigen Medikamente leisten. Und so gibt es in jeder Klinik von Calcutta Rescue auch immer eine Medikamentenausgabe. Auf grob gezimmerten Regalen stehen große Plastikdosen mit bunten Deckeln. Geordnet nach Anwendungsgebiet finden sich ca. 100 verschiedene Arzneimittel, große und kleine Tabletten, rote, weiße, gelbe und grüne, alle einzeln in den Dosen. Davor ein großer Tisch, auf dem viele bedruckte Papiertüten liegen. Für jeden Patienten werden die vorgeschriebenen Tabletten für 7 oder 14 Tage in kleine Tüten gepackt. Einnahmehinweise können auch angebracht werden - durch Ankreuzen verschiedener Symbole, z.B. eine aufgehende Sonne für morgens.

Vor der Abgabe an den Patienten (durch indische Mitarbeiter) liegt die Kontrolle durch den Apotheker. Wurden die richtigen Tabletten in der richtigen Menge verpackt? Schnell lerne ich, die Tabletten an Größe und Farbe zu erkennen, Dosierungen zu kontrollieren. Bald weiß ich, welche Kombination am besten gegen Tuberkulose hilft und welches Mittel gegen Würmer. Die Auswahl an Medikamenten ist klein, aber trotzdem kann den meisten Patienten geholfen werden. Verordnungen kontrollieren, Bestellungen vornehmen, den Ärzten mit der Dosierung von ihnen fremden, gespendeten Medikamenten helfen, Statistiken führen - letztlich unterscheidet sich die Arbeit nicht soviel von Zuhause.

Faszinierend wird es durch die Menschen um mich herum. Da sind die bengalischen Mitarbeiter, immer für einen Scherz zu haben und immer bereit, uns ihre Welt zu erklären und alle unsere Fragen zu beantworten. Sie geben uns einen genaueren Einblick in ihren Alltag, die indische Art zu arbeiten, Probleme zu lösen. Dann die anderen freiwilligen Helfer, die für ein buntes Sprachengewirr sorgen und von ihren weiteren Reiseplänen erzählen.

Und natürlich die Patienten: Die Frauen in ihren bunten Saris, trotz ihres Elends fast immer mit einem Lächeln auf den Gesichtern. Die fröhlichen, unbekümmert spielen - den Kinder mit ihren großen staunenden Augen, ob der vielen hellhäutigen Menschen. Die stolzen Männer - immer mit Schnurrbart-, die so lange geduldig auf ihre Behandlung warten. Die alte Frau, die bei mir auf Bengali um Hilfe bittet und ganz vergißt, daß ich sie nicht verstehen kann. Das kleine Mädchen mit der schweren Verletzung, das auch auf holländisch gesprochene Worte als Trost versteht und sich beruhigen läßt. Der alte Mann, der etwas hilflos am Übersetzertisch steht und noch einmal seine Einnahme erklärt bekommt. Die vielen winzigen, hungernden Säuglinge in der Kinderklinik, die aber langsam wieder aufgepäppelt werden können. Die Mütter mit ihren vier Kindern, der man ansehen kann, wie anstrengend ihr Leben ist und die sich zu einer Sterilisation durchgerungen hat. Der Vater, der vor kurzen seine Frau verloren hat und so stolz auf seine kleine Tochter mit den bunten Bänder im Haar herunterguckt.

All diese Menschen habe ich jetzt noch vor Augen und sie haben mir das Arbeiten in Hitze und Staub leicht werden lassen. Durch sie wurde die Zeit in Kalkutta ein einmaliges, prägendes Erlebnis und sie haben mir gezeigt, wie wichtig unsere Hilfe ist, auch wenn sie manchmal als Tropfen auf den heißen Stein erscheint.

 

Erfahrungsberichte von Apothekern